ver.di-Tarifkommissionen fordern Entlastung
Bundesweite Konferenz von ver.di-Tarifkommissionen in Krankenhäusern diskutiert Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Konkrete Beschlüsse erst im November.
Mehr als 100 ver.di-Tarifkommissionsmitglieder aus Krankenhäusern haben am Freitag, 9. September 2011 in Kassel über die Fortsetzung der Kampagne »Der Druck muß raus« diskutiert. Konkrete Tarifforderungen wurden noch nicht beschlossen. Die gemeinsam tagenden Tarifkommissionen für den öffentlichen Dienst, private, kirchliche sowie freigemeinnützige Träger einigten sich aber auf Inhalte, die Gegenstand von Verhandlungen werden sollen. In den kommenden Wochen sollen die innerbetrieblichen Diskussionen darüber verstärkt werden, ehe eine weitere Konferenz mit bundesweiter Beteiligung Ende November die Klinikbetreiber zu Verhandlungen über einen »Tarifvertrag Entlastung« auffordern soll.
Kommunikation braucht Zeit
Mancher hatte gehofft, es ginge schneller. Es dauert aber offenbar seine Zeit, die Krankenhausbelegschaften verschiedener Träger und Regionen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Allen ist klar, daß sich die Arbeitsbedingungen in Deutschlands Kliniken dringend verbessern müssen. Die Klage über fehlendes Personal, extreme Belastung und geringe Wertschätzung ist überall die gleiche – ob an Unikliniken, kirchlichen, kommunalen oder anderen Krankenhäusern. Allerdings ist die Debatte über Möglichkeiten der Gegenwehr bislang nicht allerorts mit der gleichen Intensität geführt worden. Das soll sich ändern, sagt Volker Mörbe von der ver.di-Bundestarifkommission öffentlicher Dienst. »Wir müssen diese Diskussion noch viel breiter in die Betriebe tragen und die Beschäftigten dafür begeistern– nur so werden wir es schaffen, als Branche gemeinsam zu agieren«, so der Sprecher der ver.di-Vertrauensleute im Klinikum Stuttgart am Wochenende gegenüber junge Welt.
Die Inhalte sind klar
Zumindest auf Inhalte, die ver.di künftig per Tarifvertrag regeln will, haben sich die Beschäftigtenvertreter schon mal geeinigt. Das betrifft zum Beispiel die Begrenzung der Überstunden. In vielen Häusern schieben Ärzte, Pfleger und Arbeiter riesige Überstundenberge vor sich her. Damit soll Schluß sein. »Mehrarbeit darf nur kurzfristige Ausfälle überbrücken und nicht den dauerhaften Personalmangel kaschieren«, fordert Mörbe. Das könne beispielsweise erreicht werden, indem Überstunden für die Kliniken ab einem bestimmten Ausmaß »richtig teuer« werden. Ähnliches wäre für Bereitschaftsdienste möglich, falls diese öfter als viermal im Monat angeordnet werden. Desweiteren ist eine Aufwertung besonders belastender Tätigkeiten im Gespräch. Nach Vorstellung der Gewerkschafter könnten den Beschäftigten beispielsweise für acht Stunden Nachtschichtarbeit zwölf Stunden gutgeschrieben werden.
Grenzen ziehen
»Wir müssen Grenzlinien ziehen zwischen dem Arbeitsanfall und dem vorhandenen Personal«, benennt Mörbe ein weiteres Thema. Das sei wichtig, weil die Arbeitgeber in jeder Lohnrunde damit drohen, die Arbeit weiter zu intensivieren und Kostensteigerungen so zu kompensieren. Um dieses Erpressungspotential zu begrenzen, will ver.di auf zwei Ebenen Druck machen: Den Gesetzgeber fordert die Gewerkschaft auf, eine personelle Mindestausstattung von Stationen und Funktionsbereichen festzuschreiben (»Personalbemessung«). Desweiteren soll auf betrieblicher Ebene definiert werden, wie viele Beschäftigte für welche Tätigkeiten mindestens zur Verfügung stehen müssen. Die Kriterien hierfür sollen per Tarifvertrag festgelegt werden. Bei Verstößen wäre der Arbeitgeber zu Gegenmaßnahmen wie die Stillegung von Betten oder ganzer Stationen verpflichtet. Kommt er dem nicht nach, könnten beispielsweise Strafzahlungen an die betroffenen Mitarbeiter fällig werden.
Ausbildung tariflich regeln
Die Verbesserung der Ausbildung im Krankenhaus möchte ver.di in einem eigenen Tarifvertrag regeln. Eine Vereinbarung mit Vorbildcharakter existiert hierzu bereits in den Unikliniken Baden-Württembergs, die von den Jugendlichen selbst im Rahmen einer eigenen Tarifkommission mit ausgehandelt wurde. Bundesweit stehen beispielsweise die Freistellung von Praxisanleitern, die freie Urlaubswahl und arbeitsfreie Wochenenden vor und nach dem Blockunterricht auf dem Forderungszettel der Krankenpflegeschüler.
Tarifvertrag Entlastung
Rechtlich sieht ver.di in der anstehenden Auseinandersetzung keine Probleme. Basis des »Tarifvertrags Entlastung« soll das Arbeitsschutzgesetz sein. Da die Themenkomplexe bislang nicht per Tarifvertrag geregelt sind, gilt hierfür keine Friedenspflicht– Streiks sind also möglich. Aber so weit ist es noch nicht. Zunächst sollen die Diskussion fortgesetzt und im November zu ersten öffentlichkeitswirksamen Aktionen mobilisiert werden. Das nächste Treffen der Tarifkommissionen ist für den 30. November geplant. Dann sollen die konkreten Forderungen endgültig formuliert und die Klinikbetreiber zu Verhandlungen aufgefordert werden.
Autor: Daniel Behruzi
Quelle: http://www.jungewelt.de/2011/09-13/028.php
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Kommentare
Nur über Geld wird sich der Arbeitgeber bewegen
Liebe Kollegen/innen,
eins steht für mich fest. Die Arbeitgeber werden sich nur bewegen wenn Überstunden ect. Geld kostet. Nur dann wird er endlich Pläne entwickeln wie Krankheitsfälle ausgeglichen werden können. Machen wir uns aber nichts vor.Es wird einen sehr großen Atem brauchen damit wir wesentliche Dinge erreichen.Selbst bei Streikaktionen wie es die Erzieherinnen in letzten Auseinandersetzung getan haben zeigen wie schwierig es sein wird unsere Forderungen durchzusetzen.Wir sollten aber nicht schon vorher mit den Forderungen zurückhaltend sein denn dies bringt gar nichts. Wir sollten auf den Tisch hauen und deutliche Forderungen stellen die wirklich die Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessern, sonst können wir es gleich lassen. Wir sind es unserern Patienten und uns selbst schuldig.
Personalbemessung
hallo,
mich würde interessieren, weshalb die forderung zur personalbemessung an die politik gerichtet und kein tarifvertrag zur personalbemessung angestrebt wird.
solidarische grüße,
ein ver.di-mitglied aus der altenpflege
Personalbemessung
Hallo Jimbo, eine vernünftige Personalbemessung kostet den Arbeitgebern viel Geld. Regelt das ein Gesetz muss es vollzogen werden , gilt für alle und das Geld dafür muss von der Politik bereitgestellt werden.
Regeln wir das durch Tarifvertrag, bedeutet dass, das wir den hohen Widerstand der Arbeitgeber dagegen durch einen langen Arbeitskampf brechen müssten. Für die Durchsetzung anderer wichtiger Ziele, wie den GesundheitsschutzTV, höhere Löhne, geringere Arbeitszeit etc. bliebe dann nicht mehr viel übrig. Je nach Durchsetzungsfähigkeit der verdi-Mitglieder in den einzelnen Tarifbereichen würde es mehr oder weniger gute Regelungen zur Personalbemessung geben. Und für unzureichende Regelungen, die Patienten und Beschäftigte gefährden, würde dann auch noch verdi haftbar gemacht. Die Refinanzierung ist zudem nicht dadurch zu sichern, dass in der Branche unterschiedliche Regelungen bestehen.
Und schließlich: Die Personalbemessung hat etwas mit Versorgungsqualität zu tun. Sowohl im Altenheim, als auch im Krankenhaus ist das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Warum sollen wir das über Tarifrunden "finanzieren"? Nur weil wir im Gesundheitswesen arbeiten ist es doch nicht unsere Aufgabe gesellschaftliche Defizite selbst zu finanzieren. Gerade da dürfen wir den Gesetzgeber nicht aus seiner Verantwortung entlassen.
Etwas anderes sind die von verdi ins Visier genommenen Mindestbesetzungen, mit denen wir Grenzlinien für die Arbeitgeber ziehen wollen und deren Überschreitung Ihnen ordentlich was kosten muss.
Tarifverhandlungen - Wutbürger - Wutbeschäftigte im öfft. Dienst
Hallo zusammen,
das Maß ist längst voll, auch ohne Oktoberfest. Rechte, Arbeitsbedingungen etc. werden mit Füssen getreten. Dienstplanverletzungen, Überstunden und Überlastungsanzeigen sind an der Tagesordnung. Da wollen wir noch verhandeln? Worüber ? Über das, was uns eh zusteht? Über Ist-Zustände muss viel mehr in der Öffentlichkeit berichtet werden. Wo sind Sie - die Kämpfer der Straße und Wortgewaltigen in den Medien aus Gewerkschaft und Politik. Jeder Bahnhof unter der Erde erzielt mehr Aufmerksamkeit als unsere Probleme in den kommunale Krankenhäusern. Schlafen alle Oppositionellen Parteien einen gemeinsam Schlaf? Ich hoffe es geht mal zur Sache
liebe Genossen!
Das Maß ist überall schon lange übergelaufen
Man braucht ja nur mal einen Blick an bzw. vor die Wallstreet werfen und weiß, was los ist. Die Menschen lassen sich immer weniger gefallen und gehen auf die Straße. Wann versteht man hier, dass es mit Lohndumping, ABM und andere so nicht weitergeht.
Gruß, Torsten